das große 'warum'

Vielleicht sollte ich erst einmal erzählen, was genau überhaupt mit mir los ist, ne? Also. Ich habe, unter anderem, eine Essstörung. Und zwar leide ich an Ednos (Eating Disorder Not Otherwise Specified). Die Krankheit an sich kann eine Mischform aus Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oder Adipositas (Fettsucht) sein. Bei mir ist es eher Anorexie mit Adipositas. Soll heißen, dass ich ein bis zwei Monate lang hungere, viel Sport mache etc., und dann einen Rückschlag habe, der meistens 2-3 Wochen dauert, und ich dann einfach esse, esse und esse.
Dieses essen ist allerdings kein normales essen, sondern eher ein sich über Wochen ziehender Fressanfall. Ich esse nicht nur viel, sondern vor allem sehr ungesund. Viel Süßes, Nudeln, Kartoffeln, Fastfood, etc.

Doch warum das alles?
Ich erzähl euch jetzt mal ein wenig über mein Leben. Meine Kindheit, meine Jugend und meine momentane Situation.
Schon in der Grundschule hatte ich ein gestörtes Essverhalten. Ich habe immer zu viel gegessen, Oma hat dazu natürlich auch ihren Teil beigetragen. Außerdem war ich nie gut genug. Es gibt ein paar Situationen, von denen ich erzählen möchte. Es gibt nicht viele Erinnerungen an meine Kindheit, wahrscheinlich hab ich das meiste verdrängt, weil es nicht schön war.

Situation: Erste Mathehausaufgabe
In meiner Klasse war ein Junge mit dem Namen Djengis. Er war der Sohn von einem Freund meines Vaters, wir saßen dann auch am ersten Schultag nebeneinander. Nach dem zweiten Schultag sind wir beide nach der Schule zu mir und haben unsere erste Mathehausaufgabe gemacht. Mein Vater kam abends von der Arbeit nach Hause und ich hab ihm ganz stolz mein Heft gezeigt. Er hat meine Arbeit mit die von Djengis verglichen und ist ausgeflippt. "Schau dir das an! Wieso kannst du das nicht so machen wie Djengis, soviel Hirn solltest du doch besitzen! Kannst du nicht einmal die einfachsten Aufgaben lösen?!" Ich war am Boden zerstört. Und ich weiß noch ganz genau, dass meine Hausaufgabe nicht viel schlechter war als Djengis'. "Bis ich vom Essen zurückkomme, hast du das korrigiert. Wenn nicht, darfst du das 100 mal abschreiben!" Ich hab's dann richtig gemacht, aber das werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Situation: Lesen Seitdem ich lesen kann, flüchte ich mich, wenn es mir schlecht geht, oder überhaupt, in Bücher. Schon in der Vorschulklasse, also mit 5 Jahren, habe ich anderen Kindern kleinere Texte aus Kinderbüchern vorgelesen. Als ich das Lesen und Schreiben dann 'professionell' in der Schule lernte, gehörte ich zu denen, die am schönsten, am schnellsten, und am richtigsten schrieben und am schnellsten und saubersten lesen konnten.
Als ich 6 war hatte mir meine Mutter eine SailorMoon-Zeitschrift aus einem Kiosk mitgebracht. Ich las die damals 70 Seiten (hab die Zeitschrift immernoch) in 30 Minuten. Nach ca. einer Viertelstunde kam meine Mutter zurück, und fragte mich, warum ich denn das Heftchen nicht las. Ich sagte ihr, dass ich durchsei. Sie gab mir 2 Wochen Hausarrest, weil ich 'gelogen habe'.
Da gibt es ungefähr noch hunderte von anderen Geschichten, die ich euch erzählen könnte. Um es mal kurz zu sagen: Meine Eltern haben nie etwas von mir gehalten. Egal was ich tat, es war nie gut genug, nie. Sogar, als ich auf's Gymnasium kam nach der vierten Klasse, waren sie enttäuscht, dass ich das mit einem 2,33- und nicht mit einem 1,5-Schnitt geschafft habe. Mal davon abgesehen, dass ich eine von zweien waren, die's überhaupt geschafft hat ...

Auf dem Gymnasium hat dann alles angefangen. Ich wurde gehänselt, wegen meines Dickseins, wegen meiner Kleidung, wenn ich etwas falsch gemacht hatte. Ich war der Lacher der ganzen Jahrgangsstufe, ich hatte niemanden. Das einzige, was ich tat, war essen und lesen. Ab der siebten Klasse begann ich Metal, Gothic usw. zu hören und mich dementsprechend zu Kleiden. Das war eine kurze, aber angenehme Zeit, in der es mir egal war, was alle über mich dachten. Ich fand eine Freundin 2 Jahrgangsstufen über mir, die mich einfach so nahm wie ich war. Nina war ihr Name. Ich habe heute noch Kontakt zu ihr. Durch sie erfuhr ich, was 'Freunde haben' eigentlich hieß - ich hatte ja zuvor nie welche gehabt. Paradoxerweise begann ich zu diesem Zeitpunkt damit, mich zu schneiden. An den Armen, an den Beinen, einfach überall. Ich fand eine Befriedigung darin, die ich nie zuvor gespürt hatte. Ich lebte, ich existierte. Nina nahm mich mit an die Isar, zu Leuten aus 'unserer Szene' (ja, ich steh dazu: ich war ein kleiner Szenegrufti, na und? Jeder hat doch so seine Phasen.)
Ich lernte Menschen kennen, die mich verstanden. Allerdings habe ich mich trotzdem nie wirklich als Teil einer Gemeinschaft gefühlt. Zu der Zeit begann ich außerdem mit dem Abnehmen. Ich fing an, meinen Körper und mein komplettes Wesen zu verabscheuen und zu hassen, so wie es anscheinend jeder andere auch tat.
In der achten hatte sich das mit der Szene erledigt, und ich musste das Schuljahr wiederholen. Nicht, weil ich dumm war, oder zu faul, sondern weil ich mit dem Druck nichtmehr klargekommen bin. Meine Eltern haben einfach zu viel von mir erwartet, und ich wollte auch unbedingt ihren Erwartungen entsprechen. Um sie stolz zu machen, um mir selbst zu beweisen, dass ich etwas konnte, dass ich nicht so schlecht war, wie alle dachten. Doch vor jeder Prüfung hatte ich Panikattacken, hatte nonstop Blackouts und dergleichen. Ich kam mit nichts mehr klar.
Die neue Klasse, in die ich kam, war super. Nette Leute, die mich alle irgendwie 'cool' fanden, weil ich ein Jahr älter war als sie (... ihr wisst schon). Ich fand schnell Anschluss. Trotzdem wurde meine Schulsituation nicht besser. Ich lernte und lernte und kam einfach nicht klar. Dann begann ich zu kiffen. Und ab und zu was trinken. Aus dem ab und zu was trinken und gelegentlich mal kiffen wurden Regelmäßigkeiten. Mit chemischen Drogen habe ich also so zum Zwischenzeugnis während der 'zweiten' achten angefangen. Nach der zweiten achten habe ich auf die Realschule gewechselt. Der Overkill für meine Eltern (die mittlerweile auch außeinander wohnen, nur mal nebenbei).

Das mit der Essstörung hat alles so in der 'ersten' 8., also so mit 13 begonnen und zieht sich nun schon über 5 Jahre. Zu einem Therpeuten bin ich nie gegangen. Ich weiß, dass ich eigentlich dringend einen nötig hätte, denn die Essstörung ist nicht das einzige was mich in meinem Leben einschränkt. Ich habe Depressionen, isoliere mich oft und auch körperliche Beschwerden, die nur unsichtbar sind, weil ich sie nicht zeige.

Das alles hier schreibe ich nicht, um Mitleid zu erwecken, sondern euch zu zeigen, was die Menschheit alles aus einem machen kann. Und um euch zu zeigen, wer ich bin, wie ich bin, und, vor allem, warum ich so bin. Macht euch ein eigenes Bild von mir.



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